Chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, kurz CED, sind wiederkehrende oder kontinuierliche entzündliche Erkrankungen des Darms. In Deutschland leiden rund 320.000 Menschen an den beiden häufigsten Formen, Colitis ulcerosa und Morbus Crohn. Durch die Entzündungsreaktionen wird die Darmschleimhaut nachhaltig geschädigt, was zu teilweise stark belastenden Beschwerden wie Bauchschmerzen, Durchfall und Blut im Stuhl führt.
Die konkreten Ursachen und Auslöser chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen konnten trotz intensiver Beforschung noch nicht eingehend aufgeklärt werden. Der aktuelle Forschungsstand geht von einem komplexen Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, Umweltfaktoren, der Zusammensetzung des Mikrobioms, sowie abnormalen Immunreaktionen als möglichen Ursachen für diese Erkrankungen aus. Die therapeutischen Optionen umfassen nahezu ausschließlich entzündungshemmende Medikation (z.B. Aminosalicylate, Glukokortikoide und Immunmodulatoren), welche bei dauerhafter Anwendung mit erheblichen Nebenwirkungen assoziiert sind.
Am Fraunhofer IZI werden neuartige Wirkstoffe erforscht und entwickelt, deren Wirkmechanismus auf der Bindung und Aktivierung des Aryl-Hydrocarbon-Rezeptors (AhR) basiert. Der AhR wird u.a. von Epithelzellen in Barrieregeweben (insbesondere Darm, Lunge, Haut), aber auch in verschiedenen Arten von Immunzellen exprimiert und spielt eine wesentliche Rolle bei der Regulierung der Immunantwort. Dies macht den Rezeptor bzw. entsprechende Liganden zu interessanten Zielstrukturen bei der Entwicklung neuer Medikamente.
In explorativen Studien wurden aus zahlreichen AhR-bindenden Molekülen Wirkstoffkandidaten identifiziert, die in weiterführenden Proof-of-Concept Studien ein vielversprechendes Profil an Wirksamkeit und Toxizität aufweisen. Für einen dieser Wirkstoffe soll nun im Rahmen einer multizentrischen konfirmatorischen präklinische Studie der Nachweis zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erbracht und die Voraussetzung für eine frühe klinische Studie (Phase 1/2a) im Menschen geschaffen werden.
Die konfirmatorische präklinische Studie wird in zwei Armen am Fraunhofer IZI und der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg realisiert. Hierzu kommt ein von der Universität Magdeburg entwickeltes Tiermodell in der Maus zum Einsatz, anhand dessen die pathologische Situation einer chronischen Kolitis simuliert und therapeutische Interventionen evaluiert werden können. Das Fraunhofer IZI bringt dabei insbesondere seine umfassende Expertise bei der Umsetzung präklinischer Studien gemäß den regulatorischen Qualitätsanforderungen Guter Laborpraxis (GLP) sowie langjährige Erfahrung in der Erforschung des AhR ein.
Neben der Untersuchung und Auswertung klinisch relevanter Parameter sollen weiterführende Analysen, z. B. differentielle räumliche Transkriptom-Analysen des Darmgewebes, zur Aufklärung der Wirkmechanismen des neu entwickelten AhR-Liganden beitragen.
Projektpartner
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene; Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS